
Interview mit Lutz Neumeier, Social-Media-Pfarrer der EKHN
Pfarrer kennt man von der Kanzel, aus Gottesdiensten oder persönlichen Gesprächen. Doch Lutz Neumeier erreicht Menschen auch dort, wo heute ein großer Teil des Alltags stattfindet: in den sozialen Medien. Als Social-Media-Pfarrer spricht er über Glauben, begleitet Menschen bei persönlichen Fragen und erlebt, dass Nähe auch digital entstehen kann. Im Interview erzählt er, wie alles begann und welche Chancen digitale Seelsorge bietet.
Sie sind Pfarrer und gleichzeitig in den sozialen Medien aktiv. Wie kam es dazu?
In der ersten Hälfte der 2000er Jahre habe ich als Pfarrer auch viel in der Schule unterrichtet und kannte so viele Schüler:innen. Wenn ich werktags zuhause am Computer saß und ICQ – den Chat mit der grünen Blume – offen hatte, wurde mittags die Liste der online gehenden Schüler:innen immer länger und ich bekam regelmäßig Nachrichten, was in der Schule passiert war. Die Jugendlichen erzählten mir, wie es ihnen am Vormittag ergangen war. Da habe ich gemerkt, dass wichtiger Austausch auch im Internet erfolgen kann. 2007 habe ich mich deshalb auch intensiver mit Seelsorge im Internet beschäftigt – zu einer Zeit, als es dazu noch kaum Veröffentlichungen gab.
Pfr. Lutz Neumeier
Auf welchen Kanälen sind Sie unterwegs, und welche Inhalte teilen Sie dort?
Mein Hauptkanal ist Instagram, da dort sowohl Jugendliche als – mittlerweile – auch Erwachsene und Senior:innen zu finden sind. Daneben findet man mich auch auf Facebook, YouTube, TikTok, Snapchat, LinkedIn und sehr vielen anderen Plattformen. Auch kann man mich über WhatsApp, Signal und andere Apps erreichen. Man findet mich auf den meisten Kanälen unter meinem Handle @NEUMEdIER oder unter meinem Klarnamen. Ich teile Erlebnisse aus meinem Leben sowie kurze Videos, in denen ich von meinem Vertrauen in Gott erzähle und was das für unser Leben bedeuten kann.
Pfr. Lutz Neumeier
Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Videos? Wie war es für Sie, statt vor Ihrer Gemeinde plötzlich vor einer
Kamera zu sprechen?
Nicht wirklich (lacht), das ist ungefähr 15 Jahre her. Ich weiß auch nicht, ob ich sie mir heute noch anschauen würde. Wahrscheinlich waren sie sehr langatmig. Eine Sache ist mir aber doch noch im Kopf: Ich empfand meine Stimme als unschön, wie das den meisten Menschen geht, wenn sie sich noch nicht oft in Videos reden gehört haben. Mittlerweile habe ich mich sehr an meine Stimme gewöhnt. Beim Schneiden und Prüfen von Videos sehe und höre ich mich ja nun oft von der Zuschauerperspektive aus. Durch die Produktion solcher Videos habe ich gelernt, schneller auf den Punkt zu kommen und klarer und knapper zu kommunizieren, auch mit mehr Humor. Das hat dann auch Auswirkungen auf meinen Predigtstil gehabt: Meine Predigten sind kürzer und prägnanter geworden.
Pfr. Lutz Neumeier
Social-Media-Pfarrer, Content Creator, Influencer: Wie würden Sie sich selbst bezeichnen?
Ich bezeichne mich als Social-Media-Pfarrer, bin dabei natürlich auch Content Creator und (hoffentlich) Influencer für ein positives Internet. Ich
Pfr. Lutz Neumeier
setze mich ein gegen Hate-Speech und versuche Nächstenliebe in die sozialen Medien zu bringen. Seit 5 Jahren habe ich eine halbe Stelle meiner Landeskirche EKHN (ekhn.de) als Social-Media-Pfarrer für digitale Gemeindearbeit. Für die Landeskirche habe ich deren Instagram-Kanal @ekhn.gemeinsam mit initiiert und aufgebaut und betreue ihn weiterhin mit. So gestalte ich Postings, lade andere ein, den Kanal mit zu bespielen und übernehme an einigen Wochenenden für die Landeskirche das Social-Media-Community-Management. Letzteres heißt, dass ich auf Fragen und Kommentare reagiere und wenn nötig dafür sorge, dass es bei einem guten und wertschätzenden Umgangston bleibt.
Werden Ihnen über Social Media auch persönliche Sorgen oder Lebensfragen anvertraut?
Absolut ja. In meinem speziellen Fall meist von Menschen meiner Gemeinde oder jedenfalls von solchen, die mich kennen. Jugendliche wie zuvor beschrieben schon in den 2000ern anfangs über ICQ. Aber auch immer wieder Menschen über Facebook, Instagram oder Snapchat. Das können kurze Chats sein, manche ziehen sich aber auch über Tage oder länger hin. Das Gute: Das Gegenüber weiß zwar, wer ich bin, muss mir aber nicht in die Augen schauen. Bei Jugendlichen sind es Themen wie z.B. erste Liebe oder der Tod eines Haustieres genauso wie Stress in der Schule oder mit den Eltern. Bei älteren Menschen geht es um Probleme im Job oder um Einsamkeit. Wichtig dabei ist, nicht zu vergessen, dass man sich über nicht allzu sichere Kanäle unterhält. Das gilt aber auch für das kurze Seelsorgegespräch zwischen den Regalen im Supermarkt. Und immer wieder haben sich solche Gespräche auch in persönlichen Treffen vor Ort fortgesetzt; begonnen haben sie aber im ‚Safe Space‘ der sozialen Medien.
Pfr. Lutz Neumeier
Kann über Social Media tatsächlich ein Gefühl von Nähe und Gemeinschaft entstehen? Und wo liegen für Sie die Grenzen digitaler Seelsorge?
Kleines Beispiel gefällig? Der eine Bräutigam sagte beim Traugespräch, dass er von mir verheiratet werden will, weil wir ja immer Kontakt gehalten hatten. Das war allerdings ausschließlich über Social Media, wo er eben regelmäßig meine Postings sieht. Ich wusste eher wenig von ihm aus den letzten 20 Jahren. Von seiner Seite war die bleibende Nähe aber der Ausschlag für den Wunsch der kirchlichen Trauung durch
Pfr. Lutz Neumeier
mich. Ich habe es aber auch wiederholt erlebt, dass Menschen aus anderen Orten in einen von mir gehaltenen Gottesdienst kamen, weil sie mich dann doch auch mal in Kopräsenz erleben wollten, nachdem sie mir eine längere Zeit gefolgt waren. Und besonders Jugendliche und junge Erwachsene halten Kontakt mit mir, ich bleibe ihnen nahe und ‚ihr‘ Pfarrer, auch wenn sie längst weg gezogen sind.
Einsamkeit ist gerade im Alter besonders belastend. Helfen soziale Medien dabei, mit anderen in Verbindung zu bleiben?
Ich erlebe oft, dass auch Senior:innen mit mir über Facebook und Instagram Kontakt halten, meine Postings sehen und auch immer wieder einmal kommentieren. Gerade wer nicht mehr so mobil ist, hat in den Social Media eine gute Möglichkeit, mit anderen Menschen (Kindern und Enkeln, aber auch anderen wie z.B. Pfarrpersonen) in Kontakt zu bleiben. Wichtig dafür ist, dass man beizeiten mit der Nutzung von Social
Pfr. Lutz Neumeier
Media anfängt und ‚dran bleibt‘. Dann kann es helfen, Einsamkeit erst gar nicht aufkommen zu lassen. Und wenn ich auf mein Dasein als Pensionär vorausblicke (immerhin habe ich auch eine 6 vorne stehen), dann ist mir gar nicht bange, einsam zu werden: So viele Menschen aus
ganz Deutschland und weit darüber hinaus, mit denen ich in Kontakt bin, auch wenn wir uns nur selten sehen.
Zum Schluss betont Lutz Neumeier noch einmal, warum für ihn die Chancen sozialer Medien überwiegen:
Natürlich gibt es auch Gefahren bei der Nutzung von sozialen Medien. Als Medienpädagoge kenne und beobachte ich die sehr genau. Aber die Chancen, für die Menschen da zu sein und statt Hate Speech lieber Love Speech in Social Media zu bringen, wiegen die Gefahren bei Weitem auf. Also: Es lohnt sich, bleiben wir dran!
Pfr. Lutz Neumeier

Über Lutz Neumeier
Seit 2007 ist Lutz Neumeier Gemeindepfarrer in Lich und zugleich ausgebildeter Medienpädagoge. Seit 2020 arbeitet er mit halber Stelle als Social-Media-Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Mit digitalen Medien beschäftigt er sich bereits seit den frühen 1990er-Jahren. In Vorträgen und Workshops zeigt er, wie Kirche die Möglichkeiten von Social Media sinnvoll nutzen kann.

